Wunder ueber Wunder- Ikonen
Anders als westeuropaeische Heiligenbilder gelten Ikonen als ebenbildliche Urbilder der Heiligen, als Vermittler zwischen irdischer und geistiger Welt. Die Ikone ist Teil des Kultus und besitzt eine eigene Wirkungskraft, an die sich die Glaeubigen im Gebet wenden koennen.
Vor diesem Hintergrund war die Gestaltung der Ikone an strenge Regeln gebunden. Die Maler sollten keinerlei eigene Talente zur Schau stellen, sondern sich den traditionellen Gesetzen unterwerfen, bei denen nicht nur die dargestellten Motive(Heiligenportraets, Szenen und Personen aus dem neuen Testament), sondern auch die Art und Weise des Hintergrundaufbaus, der Darstellung in Farben und Gesten genau festgelegt waren. Oft teilen sich mehrere Personen die Arbeit, sodass jeder nur ein Detail in das Bildnis einfuegte.
Gleichwohl haben sich in den verschiedenen Laendern und Regionen mit orthodoxem Glauben unterschiedliche Malstile und Techniken entwickelt, sodass die Ikonen im Laufe der Zeit auch mehr ueber den Kuenstler und das jeweilige Land preisgaben. Schon die aelteste bulgarische Ikone, die in der Gegend von Preslav gefunden wurde und vermutlich aus dem 9./10.Jh. stammt, zeugt von bulgarischen Eigenarten. Dieses Bildnis des asketisch wirkenden Heiligen Theodoros wurde naemlich aus vielen bemalten Keramikplaettchen zusammengefuegt - obwohl die einfache Linienfuehrung und die starke Stilisierung der Gesichtszuege dabei auf byzantinische Vorbilder hinweisen, ist die Herstellung einer Keramikikone eine Besonderheit. Spaeter allerdings wurden die Ikonen auch in Bulgarien auf Holztafeln gemalt, wobei meist duenne Linden oder Zypressenholzbretter verwented wurden. Diese wurden mit einer aus Leim, Alabaster und Stoff bestehenden Grundierung beklebt, bevor mit der eigentlichen Bemalung mittels in Ei geloester Naturfarben, Leinoel und Harzen begonnen wurde.
Doch auch die Auswahl der Personen und Szenen hat in Bulgarien spezifische Auspraegungen erfahren. So gibt es zwar landesweit viele Muttergottes-Ikonen, aber auch viele Ikonen von nationalen Heiligen, wie z.B. Ivan Rilski oder Kyrill und Method. Die aus der Zeit des Zweiten Bulgarenreiches (12.-14.Jh.) erhaltenen Ikonen zeigen ausserdem bereits deutlich lebendigere Zuege als die byzantinischen Vorbilder. Eine Vorliebe fuer kaempferische Heilige (Georg, Demetrius) und dramatsch-moralische Sujets (das Rad des Lebens, das Juengste Gericht) ist ebenfalls fuer die bulgarische Ikonenmalerei charakteristisch.
Die meisten heute noch erhaltenen Ikonen Bulgariens stammen aus dem 18./19.Jh., wo die Maltechnik waehrend der Wiedergeburtszeit ihren Hoehepunkt erreichte. In Trjavna, Samokov und Bansko entwickelten sich Schulen, in denen einzelne Malerfamilien ihre Kunstfertigkeit von Familie zu Familie weitergaben und vervollkommneten. Die Vertreter dieser Schulen reisten durch das ganze Land, um Fresken und Ikonen fuer die Kirchen anzufertigen - im Rila Kloster finden sich Beispiele aller Schulen.




